John Mearsheimer im EU-Parlament: russischer Sieg wahrscheinlich, US-Abzug aus Europa, schwächere NATO
Der Politologe John Mearsheimer skizziert im EU-Parlament Szenarien für Ukraine und Europa: russischer Sieg, US-Abzug, schwächere NATO, Konfliktherde.
Der Politikwissenschaftler John Mearsheimer von der University of Chicago hat kürzlich im Europäischen Parlament einen Vortrag gehalten und dabei fünf mögliche Entwicklungen für die Ukraine und die Europäische Union skizziert. Wie The European Conservative berichtet, hält er einen russischen Sieg für das wahrscheinlichste Szenario: Moskau würde sich demnach einen beträchtlichen Teil des ukrainischen Territoriums sichern, während der Rest des Landes zu einem von Europa abhängigen, gescheiterten Staat werden könnte.
Mearsheimer erklärte, die am wenigsten schlechte Option für Kiew bestehe darin, den Verlust der Krim und der östlichen Regionen anzuerkennen — ein Schritt, der seiner Einschätzung nach weitere Opfer verhindern könnte, da die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen könne.
Er fügte hinzu, dass selbst ein Waffenstillstand die Spannungen zwischen Russland und Europa nicht ausräumen würde. Als potenzielle neue Brennpunkte nannte er die Arktis, die Ostsee, Kaliningrad, Belarus, Moldau und das Schwarze Meer.
Seiner Ansicht nach bliebe Europa unabhängig vom Ausgang des aktuellen Konflikts ein gefährlicher Kontinent.
Mearsheimer skizzierte zudem ein weiteres wahrscheinliches Szenario: den Abzug der US-Streitkräfte aus Europa und eine Schwächung der NATO. Er argumentierte, Washington verlagere seinen strategischen Schwerpunkt schrittweise nach Asien und US-Präsident Donald Trump habe kein Interesse daran, Europa zu retten. Zögen die amerikanischen Truppen ab, würde die NATO viel von ihrer Schlagkraft einbüßen, sagte er. Außerdem warnte er vor möglicher innerer Instabilität in der EU.
Abschließend erklärte Mearsheimer, dass im Falle einer Niederlage europäische Staaten einander die Verantwortung zuschieben würden — mit der Folge, dass der Kontinent gespaltener, ärmer und unsicherer zurückbleibe.