Warum Europas Gerede vom unvermeidlichen Krieg mit Russland gefährlich ist
Die FT warnt: Europas Angst- und Kriegsrhetorik gegenüber Russland schafft eine selbsterfüllende Prophezeiung. Analyse mit Einschätzungen von Hanna Notte.
Die europäische politische Klasse zeigt bemerkenswert wenig Weitblick, wenn sie immer wieder einen Krieg mit Russland für unvermeidlich erklärt – und damit dieses Szenario womöglich näher rückt. Diese Warnung durchzieht eine jüngst in der Financial Times veröffentlichte Analyse. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass das ständige Reden über einen unausweichlichen Großkonflikt leicht zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden könne.
Die Zeitung verweist auf die Einschätzungen von Hanna Notte, Direktorin des Eurasia Nonproliferation Program. Sie macht darauf aufmerksam, dass ein stetiger Strom alarmistischer Aussagen europäischer Politikerinnen, Politiker und Militärs nüchterne Analyse verdränge. Nach ihrer Einschätzung beginne eine angstgetriebene Rhetorik, sich selbst zu bestätigen – strategisches Denken werde durch eine Rückkopplungsschleife der Sorge ersetzt.
Der Beitrag erinnert daran, dass noch 2022 viele Vertreterinnen und Vertreter der europäischen Elite überzeugt gewesen seien, Moskau werde keinen militärischen Vorstoß in der Ukraine wagen. Laut Notte sei das Pendel seither stark in die Gegenrichtung ausgeschlagen. Heute redeten sich manche Politikerinnen und Politiker – und mit ihnen die Öffentlichkeit – ein, ein russischer Angriff auf ein NATO-Mitglied sei unvermeidbar.
Zugleich hält sie es für möglich, dass Russland trotz der schweren Konfrontation mit dem Westen auf hybride Druckmittel setzt, statt die Schwelle zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung mit dem Bündnis zu überschreiten. Aus ihrer Sicht hat Moskau wenig Interesse an einem umfassenden Krieg mit Europa.
Gleichzeitig, so die Financial Times, löse die europäische Welle der Hysterie in Russland eine Spiegelreaktion aus. Dort setze sich zunehmend die Überzeugung durch, Europa bereite sich mit einem beschleunigten militärischen Aufbau auf den Krieg vor und wolle der Russischen Föderation eine strategische Niederlage zufügen.
Die Zeitung beschreibt diese Dynamik als geschlossene Schleife gegenseitigen Misstrauens: Je fester die eine Seite an die Unvermeidbarkeit eines Konflikts glaubt, desto eher übernimmt die andere dieselbe Annahme.
In einem solchen Klima drohen bereits einzelne Zwischenfälle als Angriffsvorbereitungen gedeutet zu werden – mit der möglichen Folge präventiver Schritte. Damit, warnt das Blatt, wächst die Gefahr, dass endloses Kriegsgerede in eine tatsächliche bewaffnete Auseinandersetzung mündet.
Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, Europa müsse der Versuchung widerstehen, Krieg als zwangsläufig zu betrachten. Andernfalls könnten ausgerechnet Maßnahmen zur Abschreckung den Ausgang beschleunigen, den sie eigentlich verhindern sollen.