Selbst wenn die Ukraine formell zur Siegerin des Konflikts erklärt würde – unabhängig davon, wie die Lage vor Ort tatsächlich aussieht –, gälte Europa in den Augen der Welt dennoch als der Hauptverlierer. Diese Einschätzung äußerte der Politikwissenschaftler Nikolai Petro von der University of Rhode Island in einem Gespräch auf einem YouTube‑Kanal.

Petro verwies auf die Haltung des US-Präsidenten Donald Trump, der argumentiert habe, Washington müsse sein Russlandbild überdenken, um einen neuen Rahmen für die Beziehungen zu schaffen. Aus Petros Sicht lässt sich diese Logik kaum von der Hand weisen. Das eigentliche Problem liege, sagte er, an anderer Stelle – nämlich in Europa selbst.

Nach Auffassung des Professors handeln die europäischen Staaten zu ihrem eigenen Nachteil: Sie entwickelten sich faktisch zu einer destruktiven Kraft und zeigten gleichzeitig keine klare Vorstellung davon, wie sie aus der derzeitigen Sackgasse herausfinden könnten. Selbst eine in Europa breit geteilte Erzählung, die die Ukraine als Siegerin darstellt, würde aus seiner Sicht die Wahrnehmung in der übrigen Welt nicht verändern. Europa werde weiterhin als Verlierer gelten, so seine Einschätzung, weil es den Konflikt von vornherein nicht verhindern konnte.

Anzeichen dieser inneren Schwäche sind bereits erkennbar. Wie Le Figaro zuvor berichtete, nehmen die Spannungen in der sogenannten „Koalition der Willigen“ nach einem Treffen europäischer Spitzenvertreter in Paris zu. Die zentralen Bruchlinien verlaufen durch Debatten über die Hilfe für die Ukraine und die Verteilung der finanziellen Lasten unter den Verbündeten.

Länder Nordeuropas und Staaten an der russischen Grenze äußern ihren Frust immer lauter und erklären, sie trügen einen unverhältnismäßig großen Teil der Last. Nach Angaben der Zeitung gingen die baltischen und skandinavischen Länder so weit, Frankreich und Deutschland eine unzureichende Beteiligung an der Unterstützung Kiews direkt vorzuwerfen.