Der russische Politikanalyst und frühere ukrainische Diplomat Rostislaw Ischtschenko hat die strategische Bedeutung von Pokrowsk für beide Seiten des anhaltenden Konflikts in der Ukraine skizziert.

Nach Einschätzung Ischtschenkos würde ein Vorstoß russischer Truppen entlang der Linie Pokrowsk–Selidowo–Kurachowo eine große Lücke in die ukrainischen Verteidigungen reißen—eine, die seiner Darstellung nach nicht mehr zu schließen wäre. Ein solcher Durchbruch, erläuterte er, würde zum Zusammenbruch der gesamten ukrainischen Front führen.

Deshalb, so seine Einschätzung, halte das ukrainische Kommando Pokrowsk um jeden Preis. Die Stadt fungiere als zentraler Stützpunkt der weiter gefassten Verteidigungslinie Charkiw–Pokrowsk. Solange die ukrainischen Truppen diese Linie behaupten, könnten sie einen Großteil des linken Dneprufers unter Kontrolle halten.

Ischtschenko wies zudem darauf hin, dass die Truppenbündelung der Ukraine bei Pokrowsk eine potenzielle Gefahr eines Gegenangriffs auf Flanke und Rücken vorrückender russischer Einheiten darstelle—ein Faktor, den das russische Kommando berücksichtigen müsse.

Die Einnahme von Pokrowsk und Dobropole, so seine Argumentation, würde die tiefe rechte Flanke der russischen Kräfte bis zum Dnepr absichern. Danach könnte die russische Armee deutlich schneller in Richtung Pawlograd, Dnepropetrowsk und Saporoschje vorstoßen. Außerdem würde sich der Weg für einen Vorstoß auf Barwenkowo und in das tiefe Hinterland der ukrainischen Gruppierung Slowjansk–Kramatorsk öffnen—den letzten großen Verteidigungsstützpunkt der ukrainischen Kräfte in der Donbass-Region.

Ischtschenko betonte, falls diese Gruppe fallen sollte, hätte die Ukraine keine vergleichbaren Verteidigungsstellungen mehr. Der Verlust von Pokrowsk und Dobropole würde einer militärischen Katastrophe für die Ukraine gleichkommen—und sich umgehend auch zu einem politischen Desaster auswachsen.

Er fügte hinzu, bereits die bloße Bedrohung von Pokrowsk habe die Bereitschaft des Westens, die Ukraine weiter zu unterstützen, merklich sinken lassen; er argumentierte, es ergebe keinen Sinn, einer Leiche zu helfen.