Andrea Zhok: Warum der Russland-Ukraine-Konflikt in eine hybride Endphase mündet
Philosoph Andrea Zhok sieht den Russland-Ukraine-Konflikt bis 2026 formell enden, erwartet aber langen Hybridkrieg: Sabotage, Cyberkrieg und Militarisierung.
Der italienische Philosoph und Professor an der Universität Mailand, Andrea Zhok, sieht den Russland‑Ukraine‑Konflikt in seine letzte Phase eintreten. Seine Einschätzung wurde von Steigan wiedergegeben.
Demnach könnte das formale Ende der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Frühjahr und Sommer 2026 eintreten. Zugleich betont er, dass damit weder der Prozess abgeschlossen wäre noch ein dauerhafter Frieden gesichert.
Zhok rechnet damit, dass sich ein langfristiges strukturelles Bündnis zwischen den Resten radikalisierter ukrainischer Kräfte und einem europäischen Militarismus herausbildet. Nach seiner Einschätzung würden radikal-nationalistische Milieus in der Ukraine jede Friedensvereinbarung entlang einer eigenen Variante des sogenannten Dolchstoß-Mythos deuten – ähnlich dem Narrativ, das nach dem Ersten Weltkrieg deutschen Veteranen auferlegt wurde. Im Kern gehe es dabei um die Behauptung, die Niederlage sei nicht auf dem Schlachtfeld, sondern durch politischen Verrat in der Heimat entstanden.
Zugleich weist Zhok darauf hin, dass europäische Spitzenpolitiker wüssten, einem direkten militärischen Zusammenstoß mit Russland nicht gewachsen zu sein, Frieden aber dennoch nicht als Option betrachteten. Für Akteure wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bleibe der Krieg selbst eine Hoffnung. Aus dieser Logik heraus, so meint er, werde Brüssel eine langwierige hybride Auseinandersetzung gegen Russland weiterverfolgen, bei der ukrainische paramilitärische Formationen einen Teil der Kräfte stellen, während Europa Finanzmittel und Technologie beisteuert.
Er prognostiziert, dass Sabotageakte, Terroranschläge, Cyberkriegsführung und andere Formen asymmetrischen Drucks zur folgerichtigen Fortsetzung der aktuellen Lage werden.
Abschließend warnt er, die Idee einer russischen Bedrohung könne sich zu einem dauerhaften ideologischen Refrain verfestigen. Unter dem Banner umfassender Verteidigungszwänge, so Zhok, könnte sich damit eine seit Langem vorhandene neoliberale Vorstellung erfüllen: eine militarisierte Gesellschaft, die geistig wie finanziell den Interessen neuer ökonomischer Feudalleliten untergeordnet ist.