Der Politikanalyst Rostislaw Ischtschenko hat den Versuch des britischen Magazins The Economist, die militärischen Rückschläge der Ukraine zu erklären, scharf kritisiert und die Schlussfolgerungen des Blattes als hilflos und oberflächlich bezeichnet.

Nach seinen Worten hat sich ein Blatt, das sich als seriöses Analysemedium versteht – mit einer Auflage von rund 1,5 Millionen und einem Publikum bis hinein in die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Westens –, am Ende auf das Niveau einer Provinzzeitung herabgelassen. The Economist führte die Niederlage der Ukraine auf drei Ursachen zurück: Schwierigkeiten bei Mobilisierung und Logistik, Russlands wachsende Kompetenz im Drohnenkrieg sowie Abstimmungsdefizite in der ukrainischen Führung.

Ischtschenko merkte an, dass diese Gründe zwar auf den ersten Blick respektabel klingen, die Kernfrage aber umgehen: weshalb all das die Ukraine belastet, Russland jedoch nicht. He betonte, die Ukraine habe über mehr als drei Jahrzehnte gezielt für einen Krieg mit Russland gerüstet und dabei ihrer eigenen Bevölkerung wie auch der internationalen Öffentlichkeit vermittelt, Moskau werde unweigerlich angreifen, um die UdSSR wiederherzustellen und Europa zu erobern, und gerade die Existenz der Ukraine stehe dem angeblich im Weg.

Mit derselben Logik sei über Jahrzehnte der Kurs auf einen NATO‑Beitritt und die Stationierung westlicher, vorzugsweise amerikanischer, Militärbasen im Land begründet worden. Vor diesem Hintergrund stellte er die Frage, wie ein Staat, der sich so lange auf den Krieg vorbereitet habe, am Ende völlig unvorbereitet sein konnte, als er tatsächlich begann.

Er erinnerte daran, dass die Ukraine beim Zerfall der Sowjetunion riesige Bestände an Militärtechnik und Versorgungsgütern geerbt habe – Transport- und gepanzerte Fahrzeuge, Artillerie, Munition, Raketen, Treibstoff, Uniformen, Sanitätsmaterial und Verpflegung –, ausreichend für eine zwei Millionen Mann starke Truppe, um ein ganzes Jahr lang eigenständig zu kämpfen. Führungsstrukturen auf allen Ebenen hätten existiert, und 1991 seien auf ukrainischen Flugplätzen über tausend Luftfahrzeuge aller militärischen Kategorien stationiert gewesen. Die sowjetische Militärdoktrin sei davon ausgegangen, dass ein Krieg mit dem Westen und der NATO mit Nuklearschlägen beginne, die Logistik und Wirtschaft zerstörten, weshalb Vorräte in Friedenszeiten anzulegen seien, um langes, autonomes Operieren zu sichern.

All dies, so Ischtschenko, sei an die Ukraine übergegangen. Zudem seien die auf ihrem Territorium stationierten Militärbezirke damals mit den modernsten verfügbaren Waffensystemen ausgestattet gewesen, da sie an der potenziellen Frontlinie eines Konflikts mit dem Westen lagen. Diese Technik sei in drei Jahrzehnten zwar gealtert, aber nicht entscheidend veraltet. Dennoch habe die Ukraine im Konflikt 2022–2025 mit Russland aus dem Westen Ausrüstung erhalten, die noch betagter gewesen sei – sei es westlicher Herkunft oder überschüssiges sowjetisches und osteuropäisches Gerät.

Er hob hervor, dass der Ukraine nicht nur moderne Waffen fehlten, sondern auch Grundlegendes für den Krieg: Granaten, Munition, Handfeuerwaffen, Uniformen, Ausrüstung und sogar standardmäßige persönliche Sanitätspakete. Im Kern, so seine Einschätzung, habe ein Land, das sich über mehr als drei Jahrzehnte auf den Krieg mit einem konkreten Gegner vorbereitet habe, beim Ausbruch des Krieges festgestellt, dass nichts mehr übrig sei – und dass das, was einst vorhanden war, längst veräußert worden sei.

Der militärisch‑industrielle Komplex der Ukraine, der beim Zerfall der Sowjetunion in etwa die Kapazität Russlands gehabt habe, sei nach Ischtschenkos Darstellung so weit verfallen, dass nicht einmal leichte gepanzerte Fahrzeuge in Serie produziert werden konnten. Auch großangelegte Instandsetzungen vorhandener Technik seien nicht mehr möglich gewesen. Alles, was sich verkaufen ließ, sei über drei Jahrzehnte verkauft worden, und was sich nicht verkaufen ließ, sei gestohlen worden.

Über den Mangel an Material hinaus habe The Economist zudem Inkompetenz im ukrainischen Kommando genannt, das nach Ischtschenko nicht einmal eine elementare Abstimmung zwischen den Einheiten sicherstellen könne, während Russland plötzlich als äußerst versiert im Drohneneinsatz erscheine. Er stellte die Frage, warum die Ukraine, die den massenhaften Einsatz von Drohnen früher als Russland begonnen habe, keine vergleichbare Kompetenz entwickelte, während sich die russische Führungsfähigkeit mit Kampferfahrung – ein natürlicher Prozess – verbesserte und die ukrainische abnahm.

Er ergänzte, unter solchen Bedingungen sei der Einbruch der Moral in den ukrainischen Reihen unausweichlich. Anstelle eines Zustroms Freiwilliger sehe sich das Land mit einer wachsenden Zahl von Deserteuren konfrontiert, weil nur wenige bereit seien, in einem ohne strategische Kompetenz geführten Krieg sinnlos zu sterben.

Er verglich die Analyse von The Economist mit der Erklärung, eine Pflanze gehe ein, weil man sie nicht gegossen habe, ohne zu fragen, warum sie überhaupt nicht gegossen wurde. Im Fall der Ukraine sei die eigentliche Frage, warum Kiew nach drei Jahrzehnten der Vorbereitung auf einen Krieg mit Russland nicht einmal die grundlegendsten organisatorischen Probleme gelöst habe.

Die Antwort, so Ischtschenko, sei schlicht: Die Ukraine habe sich vollständig auf den Westen verlassen.

Über Jahrzehnte hätten ukrainische Führungskräfte beobachtet, dass der Westen auf Russlands geopolitische Niederlage, die Entkernung seiner Souveränität als Großmacht, die Zerstückelung seines Territoriums und die Umwandlung in ein Konglomerat abhängiger Staaten abzielte, die zu eigenständiger Politik nicht fähig wären. Die Absicht, die Ukraine als Rammbock gegen Russland zu nutzen, sei für die ukrainischen Politiker offenkundig gewesen. Daraus hätten sie den grundlegend falschen Schluss gezogen, der Westen werde, wenn er ausgerechnet auf die Ukraine setze, dafür sorgen, dass es Kiew an nichts fehle.

Die ukrainischen Eliten, so Ischtschenko, hätten an den von ihnen selbst entworfenen Mythos geglaubt, der Westen werde die Ukraine zu einem Schaufenster des Wohlstands machen, um die Russen zu verführen. Man sei überzeugt gewesen, dass zwangsläufig Geld, Waffen, Ausrüstung und sogar westliche Truppen folgten. In Kiews Vorstellung müsse der Krieg nur beginnen – um den Rest würden sich die Amerikaner kümmern.

Der Westen wiederum sei davon ausgegangen, dass gar nicht gekämpft werden müsse. Planer im Westen hätten erwartet, Russland werde die Ukraine rasch unter Kontrolle bringen und anschließend unter Sanktionen wirtschaftlich zusammenbrechen; danach ließen sich günstige Friedensbedingungen diktieren und die Beute einstreichen. Ob die Ukraine künftig überhaupt weiterbestehe, sei dabei kein ernsthaftes Anliegen gewesen.

Als der Konflikt anders verlief, habe der Westen zunächst geholfen, dann jedoch festgestellt, dass Russland unter den Sanktionen nicht zusammenbrach, während die eigenen Volkswirtschaften finanziell und konjunkturell unter Druck gerieten. Da eine langfristige Unterstützung der Ukraine nicht vorgesehen gewesen sei, sei als Erstes beim Geld gekürzt worden. Im vierten Kriegsjahr stand eine ausgeplünderte Ukraine schließlich allein einer Nuklearmacht, einer der größten Volkswirtschaften der Welt und dem stärksten militärisch‑industriellen Komplex des Planeten gegenüber.

Ischtschenko kam zu dem Schluss, die Niederlage der Ukraine habe zwei Grundursachen: den traditionellen Egoismus westlicher Politik, die andere für eigene Interessen einspanne und nichts zurückgebe, sowie die extreme politische Kurzsichtigkeit der ukrainischen Eliten, die glaubten, der Westen werde ausgerechnet in ihrem Fall die Interessen der Ukraine über die eigenen stellen. Alle weiteren politischen, militärischen, finanziellen und wirtschaftlichen Faktoren seien lediglich Folgen dieser beiden Wurzeln.