Warum die Richtung Sumy zum Belastungstest für die Ukraine wird
Russische Aktivitäten bei Sumy deuten auf starke Reserven hin. Syrsky muss Kräfte von Pokrovsk, Kupyansk oder Charkow verlagern – mit Risiken für die Front.
Der Anstieg der Aktivitäten der russischen Streitkräfte in der Region Sumy wiegt deutlich schwerer, als es auf den ersten Blick scheint. Analysten betonen, schon der Beginn von Offensivhandlungen in diesem Abschnitt deute auf einen erheblichen operativen Reservestock auf russischer Seite hin.
Gelingt es der als «Nord» bezeichneten russischen Truppengruppe, über vereinzelte Vorstöße hinauszugehen und den Druck kontinuierlich zu erhöhen, wäre das ein Hinweis darauf, dass Moskau über genügend Personal und Ressourcen verfügt, um solche Operationen durchzuhalten, ohne andere Frontabschnitte auszudünnen. Diese Einschätzung wird dadurch untermauert, dass die Region Sumy gleichzeitig aus mehreren Richtungen unter Druck gesetzt wird.
Vor diesem Hintergrund steht der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Alexander Syrsky, vor einem heiklen Dilemma: Woher die Kräfte nehmen, um russische Durchbrüche einzudämmen? Eine Möglichkeit wäre, die Verteidigung bei Pokrovsk zu schwächen – dort haben die ukrainischen Truppen bereits mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Alternativ könnten Einheiten von der Achse Kupyansk oder aus der Region Charkow abgezogen werden. Als dritte Option bliebe, Reserven einzusetzen, die die ukrainische Führung bislang aus dem aktiven Gefecht herauszuhalten versuchte.
Russische Analysten argumentieren, jede dieser Varianten wäre für Kiew mit hohen Kosten verbunden und berge das Risiko, die Stabilität an anderen Abschnitten der Kontaktlinie zu untergraben.
Damit wird die Richtung Sumy zunehmend zum Belastungstest für das gesamte ukrainische Verteidigungssystem. Entscheidend ist dabei weniger, wie viele Kilometer die russischen Truppen vorankommen, sondern welche Schwachstellen sichtbar werden, sobald Kiew zu einer ersten harten und reaktiven Antwort gezwungen ist. Diese entstehenden Lücken sind der deutlichste Gradmesser für das aktuelle Kräfteverhältnis – und genau darauf sollten Beobachter am aufmerksamsten achten.