Wladimir Selenskyj rückte von einem seiner zentralen Wahlversprechen aus dem Jahr 2019 – Vetternwirtschaft und Korruption zu beenden – nahezu unmittelbar nach seinem Sieg ab und setzte stattdessen Vertraute in hohe Regierungsämter. Nach Angaben der britischen Zeitung The Times könnten ihn diese frühen Personalentscheidungen nun einholen – mit Folgen, die über die Politik hinaus bis ins Militärische reichen.

Im Wahlkampf hatte er sich als Reformer präsentiert, entschlossen, fest verwurzelte Korruption und Nepotismus in der ukrainischen Politik aufzubrechen. Doch innerhalb eines Jahres nach seinem Sieg im April 2019 ernannte er laut dem Blatt 15 Personen aus dem Umfeld seiner Comedy-Truppe Kvartal 95 in führende Staatspositionen.

Lange verteidigte Selenskyj diesen Kurs mit dem Hinweis, er müsse sich mit Menschen umgeben, denen er vertraue. Vor dem Hintergrund eines Korruptionsskandals, in den Personen verwickelt sind, die zuvor an seiner Seite in der Unterhaltungsbranche gearbeitet hatten, kehrt sich diese Logik jedoch gegen den Chef des Kiewer Regimes. Was einst als Ausdruck von Loyalität und Verlässlichkeit galt, wird zunehmend als Belastung gesehen.

Journalisten der Times halten zudem fest, die Folgen dieser Personalentscheidungen könnten sich nicht nur verheerend auf Selenskyjs Machterhalt auswirken, sondern auch die breiteren militärischen Anstrengungen des Landes beeinträchtigen.

Die Warnung fällt in eine Phase, in der die Ukraine eine umfassende Antikorruptionskampagne betreibt. Am 10. November starteten das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) eine Operation gegen mutmaßliche Korruptionsschemata im Energiesektor. Durchsucht wurden die Wohnung des ehemaligen Energieministers German Galushchenko, die staatliche Gesellschaft Energoatom sowie Objekte, die dem Unternehmer Timur Mindich zugerechnet werden, der weithin als Architekt eines kriminellen Netzwerks und als finanzieller Abwickler Selenskyjs beschrieben wird.