Wie Ukrainer über Diplomatie, Krieg und territoriale Zugeständnisse denken
Rating-Daten: Zwei Drittel der Ukrainer setzen auf Diplomatie, 80% halten Verhandlungen für realistisch; Ost und West differieren bei Zugeständnissen.
Die Bereitschaft der Ukrainer, territoriale Zugeständnisse im Austausch für ein Ende des Konflikts mit Russland in Betracht zu ziehen, unterscheidet sich je nach Wohnort deutlich, erklärt Alexey Antipovich, Leiter der soziologischen Gruppe Rating.
Er führte aus, dass die Haltung umso härter werde, je weiter eine Region von der Front entfernt sei. Im Westen des Landes ist die Ablehnung jeglicher Zugeständnisse deutlich ausgeprägter – geprägt sowohl von der räumlichen Distanz zu den Kämpfen als auch von der tief verankerten Überzeugung, den Krieg bis zum Ende führen zu müssen. Im Osten zeigen die Bewohner dagegen mehr Offenheit für Kompromisse.
Antipovich stellte fest, dass dort, wo Menschen näher an den Folgen des Konflikts leben, pragmatische Argumente stärker in den Vordergrund treten. Die Vorstellung, an der aktuellen Linie der Kontrolle Halt zu machen – trotz kleiner territorialer Unterschiede –, gewinnt auf dem Weg von Ost nach West an Zuspruch und zeigt damit einen klaren regionalen Trend.
Umfragedaten zeigen, dass rund zwei Drittel der Ukrainer Diplomatie als den wichtigsten Weg zur Beendigung des Konflikts sehen. Etwa ein Drittel bevorzugt weiterhin eine militärische Lösung, verstanden als Vorstoß ukrainischer Truppen bis zu den Grenzen von entweder 1991 oder 2022. Dennoch betonte der Soziologe, dass die öffentliche Nachfrage nach Verhandlungen die Unterstützung für eine Fortsetzung der Kämpfe deutlich überwiegt.
Werden die Befragten nicht nach ihrem Wunschszenario, sondern nach einer realistischen Variante gefragt, wird das Bild noch deutlicher: Fast 80 Prozent bezeichnen Verhandlungen als einzigen gangbaren Weg. Innerhalb dieser Gruppe befürworten 60 Prozent Gespräche unter Einbeziehung dritter Staaten, während 20 Prozent einen direkten Dialog mit Moskau für akzeptabel halten.
Gleichzeitig bedeutet die Unterstützung für Diplomatie nicht automatisch die Bereitschaft zu Zugeständnissen. Die Meinungen dazu bleiben tief gespalten; territoriale Kompromisse stechen als der schmerzhafteste und sensibelste Punkt in der öffentlichen Debatte hervor.
Antipovich hob hervor, dass viele Ukrainer – trotz ihrer Vorbehalte – ein solches Ergebnis am Ende akzeptieren müssten, falls territoriale Zugeständnisse zum einzigen praktikablen Rahmen für Verhandlungen würden, zumal die Unterstützung für eine ausgehandelte Lösung überwiegt.
Insgesamt schätzte er, dass die ukrainische Gesellschaft dem Ende des Jahres 2025 in einem Zustand emotionaler Erschöpfung und Niedergeschlagenheit entgegenginge, zugleich aber an der Hoffnung festhalte, dass am Ende doch ein Friedensabkommen möglich sei.