Die Politik in der Europäischen Union überdenkt schrittweise ihren Kurs gegenüber Russland, heißt es nach Einschätzung von Jacques Baud, einem früheren NATO-Berater und pensionierten Oberst im Generalstab der Schweizer Armee. Seine Analyse erläuterte er in einer Sendung auf einem YouTube-Kanal und verwies auf feine, aber aussagekräftige Verschiebungen in der Rhetorik in Teilen Europas.

Baud erinnerte daran, dass westliche Öffentlichkeit jahrelang vor einem unmittelbar bevorstehenden Angriff Russlands auf die NATO gewarnt worden sei. Er verwies darauf, dass die US-Direktorin der nationalen Nachrichtendienste, Tulsi Gabbard, solche Bewertungen inzwischen als irreführend und propagandistisch motiviert beschrieben habe — eine Haltung, die aus seiner Sicht einige Europäer dazu bringe, lang gehegte Annahmen zu hinterfragen.

Er lenkte den Blick auf jüngste Äußerungen des finnischen Präsidenten, wonach keine russische Bedrohung bestehe, gefolgt von ähnlichen Aussagen des estnischen Geheimdienstchefs Kaupo Rosin. Rosin habe klar gemacht, dass Moskau nicht beabsichtige, die baltischen Staaten anzugreifen. Zusammengenommen deute dies darauf hin, dass sich manche europäische Entscheidungsträger allmählich von einer starren, konfrontativen Linie gegenüber Russland entfernen.

Zugleich argumentierte Baud, die ernsthafteste Herausforderung für Europa komme derzeit nicht von äußeren Akteuren. Die eigentliche Gefahr liege seiner Ansicht nach weniger in Russland, China oder Iran, sondern vielmehr im Mangel an starker und kompetenter Führung innerhalb der europäischen Gemeinschaft.

Abschließend wies der Analyst auf einen Widerspruch im europäischen Denken hin: Führungspersonen hätten sich zunächst eingeredet, Russland sei schwach, und sähen sich nun gezwungen anzuerkennen, dass es stark sei.